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Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1990.
Abends, wenn die Rapsfelder ihr Giftgelb in den verblassenden Himmel feuern und vom Hochmoor weiße Nebelfäden herüberziehen, dann wird Anklam zur Geisterstadt. Dann liegt das dunkle Häusermeer der alten Hansestadt verlassen hingewürfelt da, abgebrannt in Pommerland. Eine aufgebrochene, nie ausgebaute Straßentrasse streckt sich wie eine erdige Zunge über die Peene in die Innenstadt, wo ein halbes Haus über einen menschenleeren Marktplatz wacht. Das Haus wurde nie zu Ende geführt. Man hatte vergessen, das angrenzende Grundstück zu enteignen.
Eine abgebrochene Metallschwinge, die am Markt senkrecht in die Höhe stößt, ist das Wahrzeichen der Stadt. Sie soll an Otto Lilienthal erinnern, der in Anklam geboren wurde, und sie tut es mit einer schwarzen Pointe. An ihrem Sockel ist der Spruch eingraviert: "Die Macht des Verstandes wird auch im Fluge dich tragen." Jedes Schulkind aber weiß, daß der Tüftler bei einem Flugversuch tödlich abgestürzt ist, die Macht des Verstandes hat ihn nicht getragen.
In diesem Dämmerlicht, in dem sich die Macht des Verstandes in Nacht auflöst und ein ganzer Staat, der sie auf seiner Seite glaubte, verschwindet wie Zaubertinte, könnte die Stunde der Phantasie schlagen. Aufschwingen, hinaus und - fliegen!
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